Ausstellungsansichten

 

Peripheral Visions
Text von Susanne Schick (Kuratorin, Hamburg)

Ich möchte Ihnen gerne meinen sehr persönlichen Blick auf ein paar ausgewählte Werke der beiden Künstler näher bringen.

Wenn ich durch die Räume laufe, entdecke ich eine Vielzahl von Fotos. Auf allen entdecke ich Details aus dem urbanen Leben, auf keinem der Fotos ist ein Mensch zu sehen.

Ich stelle mir vor wie die beiden Künstler durch die Stadt spazieren, flanieren oder schlendern und ihren Blick schweifen lassen. Wer sich treiben lässt und Zeit hat, vertraute Wege zu verlassen, wird belohnt.

Einige Arrangements erregen ihre Aufmerksamkeit und ihre Motive kehren immer wieder. Sie sammeln sie: es sind einzelne Elemente aus dem alltäglichen Straßenbild, besondere Oberflächen, ungewöhnliche Farbkombinationen, die in Reihe immer wieder auftauchen. Der Titel dieser Ausstellung ist „peripheral visions“. Peripher, also am Rande liegend oder eher unbedeutend, sind für mich nicht die Motive, sondern ihre Bedeutung in der urbanen Landschaft. Leicht läuft man vorbei, sieht nur scheinbar nutzlos angeordnete Gegenstände oder zweckmäßige Vorrichtungen. Erst die Serie lenkt meinen Blick auf Details und lässt mich einen Bedeutungszusammenhang erahnen. Beispielsweise in der Reihe „Kulissen“.

Auf einem Foto ist ein Stuhl zu sehen. Er steht vor einer Betonwand. Der Ausschnitt ist so gewählt, dass man am linken Rand das Ende der Rückwand sehen kann, entweder, weil die Wand an dieser Stelle schwarz gefärbt ist oder aber, weil sie hier plötzlich zu Ende ist. Ich kann es nicht entscheiden. Aber dieser schwarze Fleck begrenzt den Raum hinter dem Stuhl und entwirft eine Bühnensituatuion. Der Bereich außerhalb der Bühne ist schwarz, für den Zuschauer nicht einsehbar. Die Sonne wirft einen starken Schatten von rechts, ähnlich einem Scheinwerfer. Die Aufführung des Stückes ist vorbei oder hat noch nicht begonnen, ich weiß nicht einmal, zu welchem Stück der alte Stuhl die Kulisse bildet. Ähnlich auch auf einem weiteren Foto der Serie: hier blicke ich auf eine Betonwand, vor der auf dem Boden einige Styroporplatten liegen. Sie scheinen sich von der Wand gelöst zu haben, auf den Boden gefallen zu sein und bilden eine perfekte Symmetrie. Genau diese eröffnet in der Betrachtung einen dreidimensionalen Raum. Auf der rechten Seite hat sich ein weiteres Stück gelöst, es ist länglich und zur Seite geklappt. Ich assoziiere eine Tür. Und sehe wieder eine Bühne

Die Serie gibt den Rahmen vor – die Bühne – die Inhalte bleiben leer.

Dass die Stelle leer bleibt, ist für mich die Besonderheit dieser Serie. Die Fotos lassen mir den Raum, um Fragen zu stellen: Was ist hier passiert? Warum steht hier ein Stuhl? Und wie lange hat hier schon niemand mehr gesessen? Das Foto liefert mir diese Informationen nicht, aber es lädt mich ein, mir meine eigene Geschichte zu denken.

Die Serien laden dazu ein, seine Blicke wandern zu lassen und bieten jedem Betrachter die Möglichkeit, neue Geschichten zu erdenken. Auf den Spuren von Erik und Julia Weiser, aber doch vielleicht mit einer anderen Deutung versehen, entdeckt der Betrachter auf eine ähnliche Art wie die beiden Künstler selbst vielleicht auch das eine oder andere Motiv: hinter der nächsten Ecke, versteckt am Ende einer Straße oder aber direkt hinter ihnen.